Bauchgewühl – ein Podcast zu Kunst, Kreativität & Intuition

No. 12: Suchen statt zu finden

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Ohne Titel, 2023 Bleistift, Tusche, Aquarell & Öl auf Papier, 29,7 x 42 cm

Armin Rohr ist seit rund 30 Jahren erfolgreicher Künstler und sieht es nach wie vor als Privileg an, jeden Tag in sein Atelier gehen und malen zu können. Dass er frei malen wollte, bemerkte er schon Ende der 80er, als er sein Grafikdesign-Studium in Saarbrücken abschloss. Er verdiente dann zwar ganz gut, quälte sich aber auch öfter mal durch Aufträge. Je weniger frei er bei diesen arbeiten durfte, umso weniger angenehm war es für ihn.

Armin erzählt, warum er dann zunächst ein paar mal abgelehnt wurde an Kunsthochschulen und wie er nach dem Abschluss in Malerei vor der Entscheidung zwischen Sicherheit oder Wachstum stand. Denn die Galerie, für die er arbeitete, wünschte sich immer weitere Bilder im Armin-Rohr-Stil…

Loslassen wirkt aus seiner Sicht oft heilsam, aber auch das Hadern und Zweifeln vor einer großen Entscheidung im Leben ist ganz menschlich und gehört einfach dazu. Das zu akzeptieren, ist gar nicht so einfach. Denn, um die für uns persönlich richtigen Entscheidungen zu finden, müssen wir selbst auch durch die Unsicherheits- und Angst-Gefühle, das kann uns niemand abnehmen.

Ohne Titel, 2022 Bleistift & Tusche auf Papier, 42 x 29,7 cm

Wenn man als Maler in Saarbrücken bleiben will, muss man sich Strategien überlegen. Wie Armin, der sich auch über seine Kurse, die er an der Kunsthochschule gibt, finanziert. Ab und zu macht er sogar Porträt-Aufträge, bei denen aber schon klar ist, dass er sie so gestalten kann, wie er möchte und der Auftraggeber keine Vorgaben macht. Auch, wenn er immer wieder mit finanziellen Engpässen konfrontiert ist, wirkt er zufrieden und ausgeglichen und sagt: Hauptsache ich kann im Atelier sein, die Farben und Leinwände riechen und muss keinen Job machen, völlig fern von der Kunst.

Beim Malen geht er eigentlich analytisch vor, trifft die konkreten Entscheidungen an der Leinwand aber intuitiv.

Dabei bleibt er der Freude treu, was bedeutet, dass er thematisch dem folgt, was ihn gerade beschäftigt, was ihn erfasst. Eine nie endende Suche nach etwas, das nicht gefunden werden kann, weil es selbst für immer veränderlich bleibt.

Ohne Titel, 2004
Mischtechnik & Linoldruck auf MDF, 50 x 50 cm

Maßstäbe gibt es ja keine, also wie stellt Armin fest, wann ein Bild gut oder schlecht, abgeschlossen oder unfertig ist? „Ich muss schon wieder machen, was ich will“, beschreibt Armin lachend, dass er auch mal verzweifelte Momente im Atelier erlebt. Und wenn gar nichts mehr klappt, geht er spazieren.

Über die Jahre hat er gelernt, dass er es nicht kontrollieren kann, wie seine Kunst ankommt und wie er dem Betrachter seine eigene Meinung lässt. Er versucht dem Blick von Außen keine Macht über das Selbstwertgefühl zu geben und findet sein Vertrauen eher in seiner eigenen Intuition. Wer anderes außer einem selbst sollte auch beurteilen können, ob ein Bild oder man selbst authentisch ist oder nicht?

Hört unbedingt rein! Es wird hoch Lebens-philosophisch und keineswegs politisch 😉

No. 11: Punk’s not dead

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Bei Detlef Schlagheck lebt dieser nämlich in seinen Ausstellungen und Kunstwerken weiter, auch wenn er die Jahre als Sänger der Punkband „Pommes Brutal“ (deren feinsten Sound ihr nach unserem Gespräch hören könnte) längst hinter sich gelassen hat. Detlef führt als Kurator die Kieler Galerien On Space und K34 mit dem Verein K34 und ist Mitglied im Quarantäne Kollektiv (ja den Namen hatte das Kunstkollektiv schon lange vor Corona), das auch schon in Saarbrücken ausgestellt hat.  

Seine solidarischen Punk-Grundwerte erkennt man zum Beispiel in dem Kunstwerk „Aldi die schönen Sachen“ aus, das, wie er selber sagt, aufgrund seiner Ironie wirkt und hängen bleibt. Denn er hat einen simplen Aufsteller aus Pappe gebaut, der zwei Obdachlose zeigt, mit denen er sich in seiner früheren Galerie in einem alten Schlecker Laden angefreundet hat. Den Aufsteller hat er in einer Kunstausstellung platziert und damit auf einfache, humorvolle Art einen dramatischen Fakt angesprochen: Kunst wird immer noch viel oft als Teil der Hochkultur angesehen und ist damit nur einer bestimmten sozialen Schicht zugänglich ist.

Detlef erzählt, wie er in seinem Studium an der Kunsthochschule dazu aufgefordert wurde, bloß keine zu direkte Aussage in seinen Bildern und Skulpturen auszudrücken. Und sich entschieden hat, dies nicht zu befolgen. Denn er möchte, dass seine Kunst auch ohne jede Vorbildung eine Wirkung hat. Kunstwerke, die reine Ästhetik verkörpern und die nur über viele Deutungs-Ecken in hochtrabender Sprache gedeutet werden können, empfindet er als “blutleer” und geprägt von „ängstlicher Formsprache“. (Foto: Skulptur, „Krasnoyarsk“)

Für ihn war es deshalb auch ein wichtiger Erfolg, dass er die beiden obdachlosen User, die auf dem Aufsteller von hinten und in Lebensgröße zu sehen sind, damals dazu bringen konnte, sich in die Galerie hinein zu trauen. Er erinnert sich daran, wie die beiden zu einer Vernissage gekommen sind, bei der sonst eher Bildungsbürger anwesend waren. „Zombie“, einer der beiden hat bei der Eröffnungsrede „ständig dazwischen gequatscht“. „Ey Zombie halt mal fresse, lass mich mal zu Ende erzählen“, hat aber schnell gewirkt, erzählt Detlef amüsiert, denn die leicht pikierten VernissagebesucherInnen mussten ebenfalls grinsen. Zwei Welten, die aufeinander treffen, sich befremdlich vorkommen, aber freundlich aufeinander reagieren. Und genauso wünscht sich Detlef das auch, denn Kunst ist für ihn ein lebendiger, sich gemeinsam entwickelnder Organismus.

„Leviathan“

Er beschreibt sich selbst als extrem geprägt von der DIY (Do it yourself) Bewegung, deren Arbeitsweise er teils auch in seine unheimlich, figürlich und dennoch zerfließend lebendig wirkenden Skulpturen einwirken lässt.  Beim Erbauen der Skulpturen wie den „Leviathan“ startete er mit einem Holzgerüst, einer Art Skelett, die der Hülle aus schwarzem Plastik, seine Form verleiht. Dabei ist es ein hin und her zwischen Intuition, die ihn beim Formieren der Holzstücke leitet und dem rationalen Wissen, über zum Beispiel Statik oder wie er ein bestimmtes Stück anbringen muss, um diese oder jene Form-Vorstellung hinzubekommen. Intuition beschreibt er als Gefühl der Ahnung, als unkontrollierbar.

Der Zufall ist für ihn ein Teil der Intuition. Detlef erklärt, wie er gelernt hat, diese für viele Menschen unangenehme, teils sogar angsteinflößende Unkontrollierbarkeit des Lebens wertzuschätzen: Wenn etwas nicht nach Plan läuft, sieht er dies als Zufall, der ihn in eine neue Richtung inspiriert, „ein Wink von außen“ und nicht als Hürde. Denn man kann wochenlang über etwas nachdenken und kommt dennoch nie auf das, was eine scheinbar zufällige, intuitive Erfahrung vermitteln kann.

Hört rein, denn Detlef nimmt kein Blatt vor den Mund und haut in Punk-manier raus, was dringend mal gesagt werden sollte.

No. 10: Zufrieden sein ist wahrer Erfolg

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Bahzad Sulaiman © Christoph Holz

Bahzad Sulaiman hat schon in der ganzen Welt ausgestellt und performed, kommt aber trotzdem immer wieder gerne zurück ins kleine Saarbrücken. Seine Kunst kann man nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen, denn er arbeitet immer interdisziplinär, hat kürzlich sogar eine eigene Performance-Oper inszeniert: Mit TänzerInnen, SängerInnen und MusikerInnen zeigte er „Das Flüssige zwischen uns“ und zwar buchstäblich. Denn er thematisierte damit, wie unterschiedlich die Welt für jeden von uns ist, wie anders und schwer das Leben für Menschen mit sozialen Ängsten oder mit Behinderungen, wie zum Beispiel Autismus ist. Wir selbst erschaffen das Leben in uns selbst und dementsprechend unterschiedlich gehen wir auch mit Nähe und Distanz, mit Verbindung und Losgelöstheit oder mit den Fragen danach, wie wir uns wann am besten verhalten, um. Bahzad erzählt, wie er dieses „Flüssige zwischen uns“ mit seiner Oper in Relation zu der Wirkung des Raumes, des Publikums und der Atmosphäre gesetzt und damit ein sich immer wieder änderndes Erlebnis geschaffen hat.

Woher sein Selbstvertrauen kommt, kann er nicht genau sagen, aber er vermutet ganz simpel durch Erfahrung. Schon immer ist er intuitiv dem gefolgt, was ihn gerade am meisten interessiert hat. So hat er zunächst in seine, Heimatland Syrien Bildhauerei studiert und bereits 2010 erste Ausstellungen gemacht. Doch dann interessierte ihn nicht nur die Skulptur, Form oder Installation, sondern er wollte diese auch bewegen oder beweglicher machen. In einem weiteren Studium in Theater Design und Inszenierung hat er auch diese Neugier ausgelebt und seine akademische Bildung schließlich mit dem Studium der freien Kunst in Saarbrücken abgeschlossen. (Foto: Resurrection_VG Bild-Kunst, Bonn 2023 ©Elmar Witt)

Für ihn war immer klar, dass er von seiner Kunst leben möchte, einfach ein bisschen Kunst und dann schauen, ob es klappt kam für ihn nie infrage. Und das erfordert natürlich Leistung. Für ihn ist Leistung dennoch nebensächlich. Es ist das, was er machen muss, um von der Kunst leben zu können: nämlich Unmengen von Bewerbungen und Projektideen schreiben. Und er gibt offen zu, dass auch Unmengen von Absagen dazu gehören. Das ist nun mal Teil des Lebens. Die europäische Leistungsmentalität hat nichts mit ihm zu tun. Denn er misst seinen Erfolg nicht an Leistung, sondern daran, wie viel Freude ihm das Arbeiten macht. „Feierabend“, dieses Wort existiert in vielen Sprachen gar nicht, erklärt Bahzad. Und auch in seinem Leben nicht, denn er will nicht erst nach der Arbeit feiern, sondern währenddessen. Er verurteilt niemanden, der ständig auf etwas hin arbeitet, egal ob Urlaub oder Rente. Aber er würd sein Leben so nie führen wollen.

Für ihn war immer klar, dass er von seiner Kunst leben möchte, einfach ein bisschen Kunst und dann schauen, ob es klappt kam für ihn nie infrage. Und das erfordert natürlich Leistung. Für ihn ist Leistung dennoch nebensächlich. Es ist das, was er machen muss, um von der Kunst leben zu können: nämlich Unmengen von Bewerbungen und Projektideen schreiben. Und er gibt offen zu, dass auch Unmengen von Absagen dazu gehören. Das ist nun mal Teil des Lebens. (Foto: Christoph Holz)

Die europäische Leistungsmentalität hat nichts mit ihm zu tun. Denn er misst seinen Erfolg nicht an Leistung, sondern daran, wie viel Freude ihm das Arbeiten macht. „Feierabend“, dieses Wort existiert in vielen Sprachen gar nicht, erklärt Bahzad. Und auch in seinem Leben nicht, denn er will nicht erst nach der Arbeit feiern, sondern währenddessen. Er verurteilt niemanden, der ständig auf etwas hin arbeitet, egal ob Urlaub oder Rente. Aber er würd sein Leben so nie führen wollen.

Wieso sollte man ständig im Kopf in der Zukunft leben, wo doch klar ist, dass uns in der Zukunft ganz andere Dinge glücklich machen, als jetzt. Bahzad sagt, dass das doch ganz von der Lebensphase und dem aktuellen Interesse abhängt und es darum geht, was im Jetzt passiert. Sein Selbst oder die Situation, in der er gerade ist, bewertet er aus dem Jetzt heraus und nicht aus einer möglichen zukünftigen Annahme. Genau so hat er auch all die schwierigen Momente in seinem Leben gemeistert, die Erfahrung des Kriegs in Syrien, das alleine in die Fremde gehen, ohne die Sprache, die Schrift oder Menschen dort zu kennen, die Einsamkeit und das sich verurteilt oder ausgegrenzt fühlen. (Foto: Christoph Holz)

Bahzad erzählt davon, wie er mit 8 Geschwistern aufgewachsen ist, dass auch er natürlich die auf der ganzen Welt herrschende Mentalität kennt, besser zum Beispiel Arzt als Künstler zu werden, ihm aber die kurdische Kultur einen anderen Zugang zur Lebensgestaltung mitgegeben hat, als das hiesige Statusdenken.

Für ihn ist es egal, dass in seiner Familie niemand einen Bezug zu Kunst hatte. Vielleicht gerade, weil er sich auf den Prozess konzentriert, wenn dieser ansteht und auf das Ergebnis, wenn das Ergebnis ansteht. Wenn ich einen Berg besteige, genieße ich ja nicht nur den Gipfel, sondern den ganzen Weg dahin, mit all der Natur und den neuen Erfahrungen, erklärt er.

Hört rein, denn Bahzad spricht nicht nur total ehrlich über sein Leben, sondern auch darüber, warum Kunst für ihn eine Sprache ist, die ausdrückt, was er mit Worten nie so umfassend sagen könnte. (Outro: Kesk, sor, zer, Video Performance „Zukunft Kollektiv“ Museum Friedland, Germany 2021 Curated by Ammar Hatem ©Grischa Stanjek)

No. 9: Zwischen Perfektion und dem Blatt im Wind

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Die zauberhafte Lucyna Zwolinska ist nicht nur erfolgreiche Tänzerin, hat schon in den Dance-Companies in Frankfurt, Stuttgart, Augsburg, Trier und Saarbrücken getanzt, sondern macht mit großer Leidenschaft eigene Choreografien, die in ganz Deutschland, Italien, Japan, Irland und Polen gezeigt wurden. Bis zum letzten Jahr war sie sogar Ballettdirektorin an „The Castel Opera in Szczecin“. Obwohl es ohnehin nicht einfach ist, als Tänzerin immer wieder neue Engagements ergattern zu müssen, hat sie sich vor ein paar Jahren entschieden, sich als Choreografin selbstständig zu machen. Und zwar aus einer rein intuitiven Entscheidung heraus. Wie das funktionieren würde, wusste sie nicht, aber, dass sie es machen wollte, fühlte sie ganz ohne Zweifel. Diese „starken Momente“, bei denen man eine Richtung fühlt, ohne rational zu wissen warum, sind selten, aber immer richtig, erklärt sie.

Lucyna erzählt davon, wie ihr Leben als Kind und Jugendliche ausgesehen hat, denn sie hatte klassischen Ballett Unterricht seit sie 7 war und bereits mit 11 Jahren eine professionelle Tanz-Ausbildung an einem Internat in Polen. Das bedeutet natürlich extreme körperliche Leistungen, Disziplin und Strenge. Und Weg sein von zu Hause, das ihr aber gar nicht so schwer fiel, denn sie hatte immer schon Lust auf neue Erfahrungen und Eigenständigkeit. Wir sprechen auch darüber, dass es sich für sie nie wie ein Verzicht angefühlt hat, denn wilde Parties gefeiert hat sie als Jugendliche gerade durch das Tanzen, zum Beispiel in Jazz Clubs.

Schon mit 17 wurde sie an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zum Tanzstudium zugelassen. Dabei war es nie ihr Traum Tänzerin zu werden, was wie sie glaubt auch zu ihrem Erfolg beigetragen hat. Denn etwas zu sehr zu wollen, an etwas starr festzuhalten, funktioniert nur selten. Sie hat einige Dramen bei Kindern oder deren Eltern miterlebt, die unbedingt TänzerInnen werden wollten, es aber vielleicht gerade wegen des unflexiblen, starren Blicks darauf, wie es sein sollte, nie geschafft haben. „Was passiert, das soll auch passieren“, sagt sie. Und erzählt, wie ihre Karriere sich quasi zufällig ergeben hat, denn ins Tanzen haben ihre Eltern sie damals nur gesteckt, weil sie als kleines Kind so viel Energie hatte.

Die strenge Ballettausbildung hat ihr nie wirklich Spaß gemacht, zu viel Technik, zu wenig freie Kreativität. Die hat sie dann aber auf einem internationalen Tanzfestival in Polen erleben können, bei dem internationale Größen wie Baryshnikov mitgewirkt haben. Hier hat Lucyna die Vielfalt des Tanzes kennen und lieben gelernt. Inspiriert von verschiedenen Companies und Styles hat sie erst hier gemerkt, dass sie sich selbst im Tanz vielleicht doch finden und ausleben kann.

Lucyna erklärt, wie komplex es ist, Choreografien zu kreieren und, dass sie ihre Rolle im aktuellen Stück Horizont, im Theater im Viertel in Saarbrücken besonders hart findet, denn, sie ist Tänzerin und Choreografin gleichzeitig. Zum einen müssen Technik, Schritte und Bewegungen passen. Während aber auch Licht, Sound und Raumeinnahme stimmen müssen. Gleichzeitig versucht sie mit ihrer Konzeption eine Atmosphäre zu schaffen, das Publikum zu berühren. Ein solches Tanzen kann sie oft nicht richtig genießen, denn da gehen als Verantwortliche doch zu viele andere Dinge in ihrem Kopf vor, wenn sie auf der Bühne steht.

In Trier konnte sie bei der Susanne Linke Company eine einzigartige Form des Tanzens kennenlernen, so frei wie sie das wohl nirgendwo anders erlebt hat. Sie schildert, wie sich dieser Moment auf der Bühne anfühlt, in dem man loslassen und sich völlig der Bewegung hingeben darf. Und wie sie nun in ihrem Alltag als Selbstständige ständig zwischen Zeitdruck, Selbstanspruch und Kreativität versucht beide Seiten in ihre Kunst zu integrieren. Wenn es ein Muss ist, läuft es selten gut, sagt sie. Denn Inspiration kann man nicht erzwingen und sie begegnet einem vor allem, wenn man loslässt. Es ist tricky, denn gerade im Tanz ist gleichzeitig auch immer Perfektion gefragt ist. Sie erzählt, wie sie persönlich immer wieder zu ihrer Intuition findet und, dass sie Ihre wichtigsten Entscheidungen immer mit ihrem Herzen getroffen.

Hört rein, denn Lucyna erzählt unglaublich bescheiden und total ehrlich, wie sie ihren Weg gefunden hat und immer wieder neu findet. Denn, zu sehr an etwas festhalten, macht starr und schwer.

No. 8: Ästhetische, freundliche Provokationen

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Installation mit Kresse.

Alexander Karles Kunst wurde oft als „provokant“ bezeichnet, zum Beispiel seine Performance „Pressure to perform“, für die er Liegestütze auf dem Altar der Basilika in Saarbrücken gemacht hat. Dabei war die deutschlandweit bekannte Kunstaktion nie gegen die Kirche gerichtet.

Alex erzählt davon, dass eigentlich eine sehr feinsinnige Tiefe hinter der Idee steckte, wie die Performance zustande kam und wie sie inspiriert wurde. Obwohl er damals wie heute oft verurteilt wird – im sozialen, aber auch im juristischen Sinne – macht er immer weiter, lässt sich auch von Kritik, einschneidenden, negativen Erfahrungen oder auch einfach mal schlechten Tagen nicht davon abhalten. Seine Motivation scheint nie zu enden und wer ihn kennt, weiß, dass er vor Tatendrang und Energie nur so strotzt. Alex erklärt, wie er das macht, was ihn antreibt und empfiehlt sich vor allem nie nach Ansprüchen Anderer an sich selbst zu richten.

Die Kunst ist nicht nur sein größtes Talent, sondern auch sein Leben. Dabei bearbeitet er besonders gerne den öffentlichen Raum, kreiert Skulpturen, wie zum Beispiel die großen plattformartigen Elemente vor der Saarbrücker Europa Galerie. Alex arbeitet aber auch mit kleinen, zierlichen Pflanzen, erstellt sensible Installationen mit philosophischen Bedeutungen, malt auf Leinwände, aber auch auf riesige Betonwände, dreht Filme, fotografiert und erschafft Multimedia-Kunst. Er glaubt als Künstler auch eine große, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen und sieht es als seine Aufgabe, die Gesellschaft, aber auch sich selbst stetig zu analysieren und reflektieren.

Er erklärt, wie speziell der künstlerische Blick auf städtische, aber auch soziale Räume ist und macht deutlich, wie wichtig Kunst für die gesellschaftliche Weiterentwicklung ist. Dabei sagt er von sich selbst: „wollen, wollte ich mit den Kunstwerken nichts.“

Er stellt eher Fragen damit, konfrontiert auf ästhetische Art und Weise mit aktuellen sozialen Zuständen und betont aber, dass er selbst damit keine Feindschaften, sondern vielmehr eine neue Wahrnehmung verschiedener Themen forcieren will.

Ganz offen gibt er zu, mit wie wenige Geld er oft auskommen muss, sich selbst im neoliberalen Sinne nicht als erfolgreich bezeichnen würde, dass er aber enorm glücklich und dankbar dafür ist, Kunst machen können. Vielleicht ein viel erfolgreicheres Leben führt, weil er zufrieden ist. Diese Stabilität kommt auch durch seine behütete Kindheit, von der er erzählt. Obwohl er materiell gesichert aufgewachsen ist, hat er sich schon früh entschieden nicht mehr so viel konsumieren zu wollen, mit möglichst wenig Material viel zu schaffen, ohne dabei dogmatisch zu verzichten.

Skaten und der dazugehörige Lebensstil, die Stadt als Spielplatz anzusehen, sich befreit, spielerisch und kreativ auszuleben, hat ihn geprägt. Und dabei macht es ihm nichts aus, sich selbst, als „manchmal romantisch-naiv“ zu bezeichnen. Es dauerte etwas, bis er an der Kunsthochschule angenommen wurde, dabei hat er schon vorher 7 Jahre lang Ausstellungen gemacht, mal mit Fotografie, mal mit Installationen und meistens mit viel Genuss. Er will im Saarland bleiben, gerade weil die Kunst, wie er sagt, hier oft nicht so ernst genommen wird, wie er es sich wünschen würde. Dafür hat er sogar mal das Angebot, in einem internationalen Künstlerhaus in Paris arbeiten und wohnen zu können, abgelehnt.

Intuition ist für ihn extrem wichtig, nicht nur in der Kunst auch im Leben. Erfahrungen, egal ob negativ oder positiv nimmt er als Inspiration in sein inneres Sammelsurium an Ideen auf. So zum Beispiel auch einen willkürlichen, gewaltsamen Übergriff auf ihn durch Polizisten in einer Kölner Polizeistation. Gerade, weil das „auch hätte böse ausgehen können“, hat er sich danach geschworen, seine Lebenszeit zu nutzen, jeden Moment mit all seinen Facetten auszukosten.

Hört rein, denn Alex weiß zwar, dass Lebenswege zu unterschiedlich sind, um nur ein Rezept für Zufriedenheit zu haben, aber er spricht ganz pur und bodenständig aus, wonach sich viele in ihren erschöpfenden Alltagsprogrammen voller Verpflichtungen sehnen: Wir sind alle nur kleine Fürze im Universum, also genießt die kurze Lebenszeit, die ihr habt.

No. 7: Fehler sind Ansichtssache

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Fotos: Katrin Reis und Zippo Zimmermann

Awa Taban-Shomal hat 10 Jahre bei der „unchartable“ Pop-Band Savoy Truffle gesungen, obwohl sie nie Gesangsunterricht hatte und auch gar nicht damit gerechnet hat, „dass das jemand hören will“ – und, obwohl das auch gar nicht so sehr ihre Musikrichtung ist, denn sie liebt und verehrt den Jazz. Gerade, weil das eine der intuitivsten Musikrichtungen ist. Deshalb hat sie vor mehr als 7 Jahren eine der wichtigsten Jazz-Institutionen in Saarbrücken erschaffen: das Café Zing.

Mit 25 Jahren hat sie die Jazz-Café-Bar quasi aus dem Nichts ganz alleine hochgezogen und hier legendäre Jazz-Konzerte und Jamsessions organisiert. Awa erzählt, wie sie für den Laden alles gegeben hat, wie kräftezehrend vor allem das Ende war, denn das Gebäude wurde verkauft und soll nun abgerissen werden. (Kleine Anmerkung: Dabei steht es nun schon 1 Jahr lang sinnlos leer?!) Dieses Kapitel ihres Lebens lässt Awa nun hinter sich, denn sie hat einen der raren und sehr begehrten Studienplätze für Jazzgesang an der Hochschule in Hannover ergattert. Ein Traum, den sie schon lange hatte und zu dessen Erfüllung das Leben sie über Umwege geführt hat.

Denn eröffnet hat sie das Zing auch, weil sie sich damals hier in Saarbrücken auf Jazzgesang beworben hat und durch die Aufnahmeprüfung durchgefallen ist. „Ich hab mich 2 Monate darauf vorbereitet, eine Zeit, die niemals ausreicht“, weiß sie heute. Und vielleicht sollte das alles so kommen, denn mit Savoy Truffle und dem Zing hatte sie die Gelegenheit jahrelange Bühnenerfahrung zu sammeln und sich täglich mit Jazz und Jazzmusikern auseinander zusetzen. So hat das sehr schmerzhafte und anstrengende Ende des Zing für sie einen vielleicht tieferen Sinn, denn erst das hat sie gezwungen sich beruflich umzuorientieren. Und nun dort anzukommen, wo sie schon vor dem Zing hin wollte.

Awas Art keine langfristigen Pläne zu machen, scheint eine sehr gesunde Einstellung zum Leben zu sein. Denn erst so kann man offen bleiben, für die vorher manchmal unverständlichen Wendungen des Lebens und sich auf neue Wege führen lassen. Intuition ist für Awa die Sammlung all ihrer Erfahrungen, die man bewusst und unbewusst hat, aber oft nicht weiß. Sie erklärt, wie sehr sie selbst darunter gelitten hat, dass alles immer bewertet wird. Gerade ihr kreatives Output, das auch aus malen, Möbel bauen, gestalten besteht, hat ihr irgendwann gezeigt: sich einen druckbefreiten Raum für Kreativität zu schaffen, ist enorm wichtig. Wie das gehen kann in einer Welt, die quasi aus Bewertungen besteht, kann sie zumindest für sich selbst erklären.

Awa und ich quatschen darüber, dass wir beide in derselben Kneipe unsere erste Teenie-Barkeeper-Job-Erfahrung gemacht haben, darüber wie schwierig es ist in sich herauszufinden, wie sich Intuition im Vergleich zu Emotion anfühlt und über Ängste. Kaum zu glauben, dass gerade Awa, die vielen sicher als enorm stark und selbstbewusst erscheint, soziale Ängste hat. Sie beschreibt, wie sie diese mit ihrer ganz persönlichen Strategie immer wieder konfrontiert, um sie loszuwerden. Und wie sie damit umgeht, schon immer von Depressionen begleitet zu leben. Schon als Kind war die Musik eine Möglichkeit der Flucht für sie, ein Raum der nur ihr gehört.

Ob das Intuition war, das Zing zu eröffnen, kann Awa nicht genau sagen, aber sie weiß, dass selbst, wenn sie sich in einen anderen Job gezwungen hätte, sie irgendwann doch bei einem eigenen kleinen Café gelandet wäre. Sie erzählt, wie sie mit Anfang 20 gemerkt hat, dass „man es trotzdem schaffen kann“, auch wenn es so viel Leid und Schmerz in ihrem Leben gab. „Glaube nicht alles, was du denkst oder fühlst“, sagt sie und zeigt nicht nur mit ihrem Werdegang, dass es keine Fehler, kein richtig oder falsch gibt, wenn man Hürden und Probleme als Erfahrung sieht. Zusammen kreieren wir die neue Wortschöpfung „Erfahrungswertschatz“ und besprechen, warum es gerade im Zustand von Angst nicht ratsam und vielleicht auch gar nicht möglich auf seine Intuition zu hören, denn die Angst in uns verbaut vielleicht den Zugang zu ihr. Hört rein und erfahrt mehr über Awas speziellen Zugang zur Musik und warum man manche Lieder einfach tagelang rauf und runter hören muss.

Es lohnt sich bis zum Ende durchzuhalten, denn im Outro könnte ihr exklusiv Awas außergewöhnlichen Stimme lauschen. Outro: Awa Taban-Shomal, Lukas Konzelmann & Wolfgang Weiss.

No. 6: Formlose Schätze

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„Wir suchen das, was wir schon sind“, sagt der Gestalttherapeut Herbert Colle. Damit meint er, all die Teile in uns, die kreativ oder gefühlvoll, aber nicht rational effizient sind, die wir vielleicht von uns abgespalten haben, weil wir konditioniert darauf sind, sie nicht wertzuschätzen. Intuition ist für Herbert eine Kraft aus unbewusstem Wissen, die schützt und weiß, was richtig ist für dich; die dir nahe legt, deiner ganz eigenen Herzensfreude zu folgen und, die kleinen Schönheiten im Leben zu schätzen. Wir können sie nicht machen, aber das Gute ist, sie ist schon in jedem von uns drin.

Herbert hat 30 Jahre als Seelsorger gearbeitet, in Krankenhäusern, Hospizen und psychiatrischen Kliniken. Er hat viele Menschen begleitet, die selbst vor dem Tod standen oder die Angehörige verabschieden mussten. Er erklärt, wie wichtig eine Begleitung in solchen Fällen ist, wie im Angesicht des Todes jedes Denkmuster oder Lebenskonzept zerfällt und wie wichtig die innere Sinnhaftigkeit ist.

Er selbst hatte in seiner Jugend eine Erfahrung, die eigentlich nicht existieren kann. „Danach hab ich gedacht, da muss mehr sein“, erzählt er. Er hat dann eine Suche nach Wahrheit gestartet, die in seiner heutigen Therapeuten-Tätigkeit gemündet ist. Er erklärt, wie man mit Ängsten umgehen kann, wie Techniken helfen, mit ihnen zu leben, aber diese oft nicht ausreichen, um sie zu heilen.

Erleben ist etwas ganz anderes als über etwas nachzudenken, etwas im Kopf zu bewerten oder durchzuspielen. Er plädiert dafür, sich mindestens zu 50% nach Innen zu wenden. Die Aufmerksamkeit auf das eigene multisensuelle Äußere, aber auch das innere körperliche Wahrnehmen zu legen. „Wo willst du Geborgenheit, Verbundenheit und Glück erleben, wenn nicht im Inneren?!“ Wir sprechen darüber, wonach wir Menschen eigentlich suchen, was Zufriedenheit im Vergleich zu kurzfristigen Glücksmomenten ist und darüber, dass Kunst und Kreativität auch als Ausdruck innerer Schätze, die gelebt werden wollen, gesehen werden können.

Hört rein, es wird extra deep!

No. 5: Kleine Unmöglichkeiten & tolle Niederlagen

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Joni Majer malt sie, die kleinen Unmöglichkeiten – und zwar sehr erfolgreich. New York Times, Spiegel, Die Zeit sind nur einige ihrer Kunden und das ist verständlich. Denn ihre Illustrationen sind sehr reduziert, bestehen oft nur aus wenigen schwarzen Strichen und erzählen dennoch kleine Geschichten, geben Gefühle wieder, für die man keine Worte findet.

Wir sprechen darüber, wie es ihr gelingt immer wieder pfiffige, außergewöhnliche, sofort verständliche Bilder für Unaussprechbares zu finden. Und darüber, dass sie erst mal richtig Unerfolgreich war, nachdem sie ihr Studium des Kommunikationsdesigns an der HBK Saar abgeschlossen hatte. Vielleicht, weil sie damals erfolgreich unbedingt sein wollte. Zunächst war sie aber so desillusioniert von all den Absagen, dass sie nochmal ein völlig anderes Studium gestartet hat. Nur um zu merken, dass man auch in konventionelleren Berufen keine Garantie für Erfolg und schon gar nicht Glück findet. Gleichzeitig hat sie entdeckt, dass einer der Schlüssel im druckbefreiten Arbeiten liegt und darin, Freude beim Zeichnen zu empfinden, ohne fixierte Ziele erreichen zu wollen.

Es gibt viel zu viel erzwungene Arbeit und da kommt meistens nichts Gutes dabei heraus. Dabei gibt es doch in Deutschland die Möglichkeit, notfalls mal eine Zeit über das Amt zu überbrücken. Das ist ein riesiges Privileg. Unser Gespräch führt in die tiefsten Tiefen der Sinngebung, zum Beispiel darüber, dass sie beruflich im Grunde ihr Ziel erreicht hat, von ihren Zeichnungen leben zu können. Doch wieso fühlt sich das gar nicht so super toll an wie vorgestellt? Joni erzählt, wie sie es schafft in einer Welt, die Arbeit oft als Selbstausbeutung und Überanstrengung darstellt, schafft darauf zu vertrauen, dass ihre eigene Arbeitsdefinition auch ganz anders sein darf.

Das gibt sie auch weiter, zum Beispiel mit dem Buch „Von der Liebe zur Arbeit – und der Arbeit an der Liebe“, das sie zusammen mit ihrer Kollegin und Freundin Birte Spreuer publiziert hat. Sie hat jedenfalls beschlossen, dass sie ihren Fokus nicht mehr auf die allzu vergänglichen Äußerlichkeiten, auch nicht auf den Erfolg im Beruf, sondern viel mehr auf ihre innere Entwicklung legen möchte. Denn die Seele ist nun mal das wichtigste, was wir haben, die einzige unvergängliche Essenz, die uns ausmacht.

No. 4: Krimi-Katharsis & heilsame Best-Case-Szenarien

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Germaine Paulus ist Autorin (zB. Ohnmacht, Pfuhl, Last Order…), Verlegerin (thedandyisdead) und Magazin-Mitherausgeberin (Deadline). Sie schreibt Krimis und groteske, dunkle Kurzgeschichten aus dem Bereich Fantastik – und zwar immer nur Nachts. Sie erzählt, dass ihr rein intuitives Schreiben sich für sie selbst wie ein Rausch anfühlt und sie in ihren Schreib-Nächten mit Körper und Geist zu ihren Romanfiguren wird.

Wir sprechen über ihren roughen, trotzdem mit lyrischen Momenten gespickten Schreibstil, darüber, dass man sich vielleicht gerade durch schockierende, spannende Bücher lebendig fühlt und auch so einen Zugang zum Sich-selbst-fühlen finden kann. Oder kann man über Krimi oder Horror sogar eine eigene Katharsis erleben?

Sie erklärt, warum sie sich wie ein „Faultier-Baby“ fühlt, und, dass Corona und der soziale Abstand in dieser Zeit bei ihr eine Depression ausgelöst, die vor allem ihre Kreativität betroffen hat. „Menschen inspirieren mich“, sagt sie und erklärt, dass sie beides braucht: das Intuitive, das von Innen kommt; die Inspiration, die von Außen kommt, von dem sich Verbunden fühlen und der Offenheit zu anderen Menschen kommt.

Germaine steigt bei ihren Recherchen für die harten Gewaltszenen ihrer Krimis oft in krasse Welten ein, spricht nicht nur mit Polizisten oder Psychologen, die Täterbetreuung machen, sondern zum Beispiel auch mit Menschen, aus der BDSM-Szene. Wie kann man gerade als emanzipierte Frau, die ja schon immer gegen ihre gesellschaftliche Unterdrückung kämpfen musste, beim Sex darauf stehen, erniedrigt zu werden?

Gemeinsam regen wir uns darüber auf, dass es so scheint, als sei die Gesellschaft voll von Angst vor der Lust der Frau – und zwar bei Männern wie bei Frauen. Wir sprechen über Scham, Selbstverurteilung und darüber, dass wir alle doch ein bisschen mehr sein sollten, wie wir nun mal sind. Denn gerade unsere kuriosen Eigenheiten machen das Leben doch spannend. Zukunftsängsten begegnet sie pragmatisch, indem sie sich klarmacht, dass der Worst Case meistens genauso unrealistisch ist wie der Best Case.

Germaine erklärt, dass vor allem Offenheit sich selbst, aber auch vertrauensvollen Menschen gegenüber heilsam wirkt und, dass sie aus eigener Erfahrung weiß, dass sich niemand scheuen sollte, psychologische Hilfe zu suchen. Macht, was euch gut tut und hört auf euch für euer Menschlich-sein zu verurteilen. Hört rein, es wird ultra lustig, super spannend und trotzdem tiefsinnig.

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No. 3: Metamorphosierte Seelenabgründe

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Dennis Di Biase, Abgrenzen, 2022.

Der Künstler Dennis Di Biase malt einprägsam düstere, riesige Gemälde, und zwar aus Notwendigkeit, wie er sagt. Denn er konfrontiert sich beim Malen radikal und ehrlich mit seinen eigenen Erfahrungen, mit existenziellen Problemen, mit unangenehmen Gefühlen und Situationen. Leid, Schmerz, Trauer, Wut zeigt er über die Leinwand, die er wie einen Fotoabzug seines Inneren beschreibt. Damit konfrontiert er aber auch die BetrachterInnen seiner Gemälde mit deren eigenen schmerzhaften Erlebnissen, die sie sonst vielleicht versuchen unter der Arbeit oder Alltagshandlungen zu vergraben. Doch spätestens, „wenn man abends alleine im Bett liegt,“ Stille um sich herum, kommen diese Abgründe, vor denen man im Alltag flieht, bei jedem hoch.

Er malt rein intuitiv, aus einer kaum beschreibbaren Wahrnehmungsebene heraus. Erst danach geht er in die analytische Denkebene über und stellt so manchmal erst im Nachhinein fest, was genau er dabei verarbeitet hat.

Auch Angst ist zentral für seine Arbeit. Wir sprechen darüber, dass wir alle Ängste und Unsicherheiten haben, dass diese nicht weggehen durch oberflächliche Ablenkungen und welche Wege Dennis gefunden hat, die Angst auszuhalten. Die Kunst ist, wie er sagt, sein größtes Glück, denn sie hilft ihm nicht nur sein Innerstes zu reflektieren, sondern gibt ihm auch Vertrauen in sich selbst und die Welt. Vielleicht ist gerade der Moment, in dem er sich auf seine eigene Intuition beim Malen verlässt, das, was ihn vertrauen lässt – denn als Künstler ist er selbstbewusster, als als Mensch.

Obwohl diese Wahrnehmungsebene für ihn mit Worten kaum erklärbar ist, ist sie etwas, was bleibt, im Vergleich zu all den flüchtigen, vergänglichen äußeren Situationen oder Gedanken, die man so hat. Hört unbedingt rein, denn Dennis erzählt wunderbar offen, wie er zu diesem inneren Vertrauen gefunden hat und immer wieder findet. Dabei ist er sich immer bewusst darüber, dass er als weißer Mittelschicht-Mann in dieser Welt enorm viele Privilegien genießt.

No. 2: Fokussiert auf Unfokussierbares

Die Malerin und Medien- und Performance-Künstlerin Paulette Penje leckt für ihre Kunst auch mal Wände oder sich selbst ab. Sie wälzt sich über Straßen und Brücken oder sprüht den Himmel blau an. Wir sprechen über Synchronizität, über den Sinn sich selbstgewählte sinnfreie Aufgaben zu stellen und warum Intuition für sie ein „scheues Wesen“ ist.

Über Spotify (über alle Webbrowser außer Firefox) oder den Webplayer
Fotos: 1. Videoperformance: „Alle Himmel and SKIES“ in New York City (2015)
2. Serial video performance: „L I C K P I E C E S“
3. Video-Installation: „Spuckfiguren & Synergien“ (2022) gefilmt von Bunkhousefilm

Außerdem erklärt Paulette, wie jeder Körper über Tanzen Freude erzeugen kann, wieso ein bisschen „Goofyness“ beim Bewegen auch bei ihr dazu gehört und wie sie mit Unsicherheiten und Druck umgeht.

Sie bespricht mit mir, wie wichtig Humor ist und, dass ihre Lust auf fragile Dinge, die nicht greifbar sind, sie zu immer neuen Ideen und Kunstwerken führen. Herz oder Kopf? Beides!

No. 1: Weg mit den Hierarchien

Nina Schopka ist seit über 30 Jahren erfolgreiche Schauspielerin und hat 2016 das Korso-Op.Kollektiv mitbegründet, mit dem sie außergewöhnliche Theater- Performances erarbeitet und schon mehrfach dafür ausgezeichnet wurde (z.B. von der renommierten Zeitschrift Theater heute).

Wir sprechen über Ihren Zugang zur Intuition und darüber, dass die Weiterentwicklung als Schauspielerin untrennbar ist von der Entwicklung als Mensch und eine Lebensaufgabe bleibt. Im Gespräch geht es auch darum, dass die riesigen Mengen an Bürokratie-Arbeit die Kreativität verkleben und wir besprechen, weshalb wir uns von unseren patriarchalen Denkmustern trennen sollten.

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